Die Geschichte des Lord Cammy

George Gambiers “Rockpalast” wird 25 Jahre alt


 



Von Tobias Böckermann
Meppen. Über George Gambier lassen sich vortrefflich Geschichten erzählen. Zum Beispiel die vom Protestsänger Lord Cammy, den es auf verschlungenen Pfaden aus Surinam ins Emsland verschlug. Oder die Geschichte des Rockpalast – seiner Kneipe mit Kultcharakter, die am Wochenende 25 wird.

George Gambier – alias Lord Cammy – sitzt an einem Tisch in seinem Wohnzimmer und schaut erwartungsvoll in die Kamera. Wenn er lächelt, blitzen schneeweiße Zähne aus seinem schwarzen Gesicht. Der Oberlippenbart ist pechschwarz, aber die Haare rund um seine hohe Stirn werden langsam grau. Auf dem Tisch liegt eine Single aus Vinyl, eine jener Schallplatten, die man früher mit 45 Umdrehungen pro Minute abspielte. Ein junger Mann mit Sombrero schwingt zwei Rasseln. “Lord Cammy sings at the surinam torarica” verkünden weiße Lettern auf grün-orangem Untergrund. Der Mann auf dem Cover ist George Gambier, das Torarica sein Hotel.
“Ich habe in meiner Heimat als Barkeeper und Kalypso-Sänger gearbeitet und unter anderem auch diese Single aufgenommen”, erinnert sich Gambier. “Meine Lieder waren beschwingt, aber gesellschaftskritisch.” 1970 verließ Gambier sein Heimatland – allerdings nicht wegen seines politischen Engagements, das damals nicht allen gefiel. Surinam war damals noch ein sich selbst verwaltender Teil der Niederlande, wurde nach langer Kolonialzeit erst 1975 unabhängig.

Der wahre Grund für die Auswanderung war zu scharfes Essen: “Irgendwann konnte ich nicht mehr singen”, erinnert sich Gambier. Er hatte zu oft zu scharf gegegessen, was seine Stimmbänder nicht mitmachten. Gambier dachte aber, seine Sangeskarriere zwischen Bariton und Zweitem Tenor sei beendet. Er ging nach Holland, hat bis heute einen niederländischen Pass.

1971 kam Gambier nach Hamburg, besuchte einige Zeit später einen Freund, der in Meppen als DJ in der Diskothek Barbarella arbeitete. “Er hat mir einen Job angeboten, und ich bin hiergeblieben”, sagt Gambier. Es folgten Stationen als Arbeiter bei Wavin in Twist und der Meppener Eisenhütte, dann pachtete Gambier ein Café und betrieb die Disco “Jump in.”

1982 mietete er eine ausgediente Werkstatt in der Schützenstraße 11 – aus den 160 Quadratmetern wurde der Rockpalast. “Besonders groß ist der Laden ja nicht”, sagt Gambier. “Aber die Leute lieben ihn. Damals wie heute. Weil wir zu Beginn nur Rockmusik spielten, nannten wir ihn Rockpalast.” Nicht nur viele Meppener haben in der dunklen Disco einen beträchtlichen Teil ihrer Wochenenden verbracht.

Vorwürfe, die Musikauswahl sei im Laufe der Jahre schlechter geworden und habe dem Rockpalast seinen Kultcharakter geraubt, kennt Gambier. “Wir haben immer die Musik gespielt, die die Leute gerade mochten. Die Geschmäcker ändern sich eben und damit auch die Musik.” Außerdem könne man sich seit jeher Titel wünschen – “wer nicht zu ungeduldig ist, kommt auch auf seine Kosten”. Zu viel Mainstream findet aber bis heute nicht statt.

Problemlos waren die vergangenen 25 Jahre nicht immer. Der Rockpalast hatte lange das Image, eine “Kifferbude” zu sein, was Gambier stets mit der Einladung an besorgte Eltern entkräftete, sich den “Palast” einfach mal anzusehen. Bis heute finden die Gäste erst sehr spät nachts den Weg in die Schützenstraße, dann wenn kaum noch Geld zu verdienen ist. Die – inzwischen abgeschaffte Sperrstunde um drei Uhr morgens – bereitete deshalb lange Zeit Sorgen. Heute bietet Gambier jungen Bands eine Bühne, die sonst keine Auftrittsmöglichkeiten haben. Und die Meppener Gymnasien veranstalten hier ihre Jahrgangsfeten.

Auch außerhalb der Disco ist Gambier aktiv – als Fußballtrainer im Jugendbereich, manchmal auch wieder als Sänger. Gern gesehen ist er überall. Vor drei Jahren etwa bekam Gambier, der mit seiner deutschen Frau Petra zwei Kinder hat, einen Brief. Ein gewisser Bill Pullen wollte wissen, was aus ihm geworden sei. “Das war der Chef des Hotels, in dem ich in Surinam gesungen habe. Er hat 30 Jahre nach mir gesucht. Ich habe ihn angerufen – vielleicht treffen wir uns mal.”

Wie lange er mit seiner Frau den Rockpalast noch betreiben will, weiß Gambier nicht. “Schon noch ein bisschen. Aber ich werde bald 69. Mal sehen.” Bis dahin gilt weiter die Devise, die auf den Werbeflyern zum Jubiläum steht: “Seine Residenz ist der Palast. Sein Königreich das Dreieck.”